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Eitil, 30 Jahre alt, Isländer-Wallach

Wie ich auf dieses Thema komme, obwohl ja die meisten von Euch wissen, dass ich mit Pferden arbeite.
Dazu möchte ich eine kleine Geschichte erzählen.

Es ist Montagmorgen

(da sind schon die ersten Gedanken…oder?)
Einige werden denken, “Oh ja, ich weiß schon was kommt”.
Montagmorgen: müde und unmotiviert… erst Montag.

Und ja, das habe ich auch ganz kurz gedacht…
Aber dann haben mich zwei große dunkle Augen angesehen (siehe Bild oben).

Ich bin stehen geblieben und habe ihn einfach nur angesehen.
Ich habe ihn beobachtet und mich gefragt: “Was denkt er jetzt wohl, wenn er mich so sieht?”

Wie sieht er mich eigentlich?

Jemanden zu sehen, ist das eine. Aber da ist ja noch viel mehr, was wirkt. Empfindet er mich als nervig, wenn ich so müde ums Eck geschlurft komme? Oder verunsichert ihn das sogar?

Mit dieser Neugier, die in mir entstanden war, wollte ich ausprobieren. Was passiert, wenn ich anders bin, als ich gerade bin. Und was macht das mit meinem Gegenüber?

Ich ging immer wieder durch das Tor. Einmal aufrecht mit großen, kräftigen Schritten und mit dem Gedanken: “Den Tag pack ich jetzt an! Ich reiß mich zusammen und bekämpfe meine Müdigkeit und mach jetzt mal!“

War anstrengend! Kannst du dir vorstellen, oder?

Das nächste Mal ging ich leise und vorsichtig, war weich und vorsichtig. Mit dem Gedanken:“ Ach ja, so geht es doch jedem Mal…jetzt sei doch einfach mal müde und fang so ganz langsam an, dann wird das schon!“

War auch anstrengend. Hast du es dir schon gedacht?

Tja, dann habe ich mich auf die Bank vor seinem Paddock gesetzt und mich gefragt. Wofür mach ich diesen Quatsch hier eigentlich?

Das interessante daran war, dass Eitill sich, aus meiner Wahrnehmung heraus, nie anders verhalten hatte. Ob kräftig oder sanft, er schaute mich die ganze Zeit einfach nur mit seinen dunklen Augen an.

Einfach so.

Ich beendete diesen Eigentest mit dem Ergebnis, meine Gedanken haben keine Wirkung, auch wenn ich sie mit meinem Körperausdruck verstärke.

Doch dann…

Habe ich nichts geplant. Es war wieder so ein Tag….puh naja, müde, übles Wetter, unter Zeitdruck und echt keine Lust, da jetzt noch was im Stall zu machen.

Genau in diesem Moment. In diesem Moment wo ich keine Absicht, keinen Versuch, keine Show spielte und vor allem keinen Paddockzaun zwischen uns hatte, war es so klar und so eindeutig.

Ich verrichtete mit viel Kraft und Hektik meine Arbeit, flitze von hier nach da und genau da passierte es.

Eitill stand wieder mit großen dunklen Augen da. Aber diesesmal (wie gesagt nichts zwischen uns, kein Schutz für ihn) rannte er vor mir weg, als ich mit meinem Elan auf ihn zuging. Nein, er flüchtete sogar vor mir.

Das war jetzt aber der echt schlechteste Moment zu flüchten. Dachte ich mir!!! Ich hab jetzt echt keine Zeit. Muss gleich weiter! Ich fing an zu schimpfen, warum gerade heute! Genau dann wenn ich keine Zeit habe.

Das konnte ich so oft sagen, wie ich wollte. Er spürte meine Energie! Meine Gedanken von:“Verdammt nein jetzt nicht! Mach das jetzt einfach so wie ich das will!”

Und was glaubst du was passierte?

Ja genau, er lief weiter. Hinter die Büsche, weiter zur Hütte.

Ich war so verzweifelt, hätte auf der Stelle losweinen können.

Bis zu dem Moment, wo ich endlich wieder merkte und mir bewusst wurde, was ich da machte.

Wie kann ich glauben, dass ein Pferd (als Fluchttier) mit mir als „hektischer, motzender Mensch auch nur eine Sekunde lang bleiben will?”

Ich setzte mich wieder auf meine Bank. Für mich immer wieder ein Platz des Sammelns und vor allem des Zeit nehmens.

Ich atmete ein paar Mal durch.

Der Atem ist die schnellste und effektivste Möglichkeit, wieder ins Hier und Jetzt zu kommen.

Ich sortierte meine Gedanken. Was ist eigentlich gerade los? Warum empfinde ich so einen Druck und Wut. Was kann ich jetzt hier gerade tun, um meine Arbeit effektiv zu erledigen und später noch genug Energie für den Rest des Tages zu haben?

Erst in diesem Moment, des achtsamen Kontakts mit mir und dem angepassten Tempo für meine Aufgaben im Hier und Jetzt, kam Eitill ganz vorsichtig wieder aus den Büschen hervor.

Er ging langsam auf mich zu, schaute mich wieder an mit seinen großen, dunklen Augen.

Ich hatte ein Gefühl der Traurigkeit, dass er trotz meines ungeduldigen Verhaltens und der Gedanken, geladen mit Kampfenergie einfach wieder da stand, als ob nichts gewesen wäre.

Dieser Moment ließ mich demütig und dankbar werden.

Und vor allem bewusst werden, wie sehr mein Verhalten und meine Energie mit diesen Gedanken, (die nicht im Hier und Jetzt waren) nicht zu Kontakt, sondern zu Flucht geführt hatten.

Und das absolut faszinierende für mich war, dass Eitill trotz dieses Erlebnisses immer noch offen für die Begegnung mit mir war.

Warum ich diese Geschichte erzähle

Begegnung ist nicht Automatismus oder gutes Benehmen, sondern eine Chance dem Anderen, dem Gegenüber wirklich zu begegnen. Und wem ich da begegne ist nicht nur mein Gegenüber, der Nachbar, Kollege, Partner, mein Kind oder Haustier.

Du begegnest auch dir! Mit deinen Gedanken, deiner Absicht und deiner Energie.

Wie willst du deinem Gegenüber begegnen? Und wie willst du dir begegnen? Bist du authentisch in deinen Begegnungen? Oder auch manchmal auf der Flucht, weil es fast nicht zum aushalten ist?

Zwischen Gedanke und Ausdruck liegt ein ganzes Leben

Lou Reed

Tiere handeln intuitiv und sorgen in diesem Moment für ihre Sicherheit.

Wer willst du sein?

Dazu mehr in den nächsten Tagen!